DER RAUSCH

DER RAUSCH
Handlung:

Es gibt eine Theorie, die besagt, dass wir mit einer geringen Menge Alkohol im Blut geboren werden sollten. Leichte Trunkenheit würde dafür sorgen, dass wir der Welt aufgeschlossener gegenüberstünden, weniger Probleme hätten und kreativer wären. Martin ist Lehrer an einer Oberschule und fühlt sich ausgebrannt. Von der Promille-Theorie ermutigt macht er gemeinsam mit drei befreundeten Schicksalsgenossen ein Experiment: Sie wollen über den Arbeitstag hinweg einen konstanten Alkoholpegel halten. Wenn Churchill unter starkem Alkoholeinfluss den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat – warum sollten dann ein paar Tropfen nicht auch bei ihnen und ihren Schülern Gutes bewirken? Nach ersten positiven Ergebnissen wird das kleine Vorhaben der Lehrer zu einer echten wissenschaftlichen Studie. Ihre Klassen und die Resultate werden immer besser, und die Gruppe ist zurück im Leben! Schluck für Schluck geht es weiter. Während einige Teilnehmer weitere Verbesserungen feststellen, verlieren andere die Kontrolle. Immer deutlicher zeigt sich, dass Alkohol zwar zu großen Erfolgen in der Weltgeschichte geführt haben mag, einige kühne Taten aber nicht folgenlos bleiben.

Film im Fokus:

Das Konzept von Thomas Vinterbergs DER RAUSCH ist so gut, dass man hofft, dass er in einer Kneipe das Glas erhob, als er oder sein angestammter Drehbuchautor Tobias Lindholm (2016: Die Kommune, 2013: Die Jagd und 2010: Submarino) die Idee dazu hatte. Vielleicht hatte sich Vinterberg aber auch gerade mit seinen Kumpels ins Nachtleben gestürzt, als er beschloss, einen Film zu drehen, der auf der obskuren Theorie des norwegischen Psychologen Finn Skårderud fußte, wonach dem Menschen bei seiner Geburt 0,5 Promille Blutalkohol fehlen. Daraus wiederum ergibt sich die Frage: Was wäre, wenn man versuchte, diesen perfekten Alkoholpegel auf Dauer zu halten? Wäre man dann glücklicher? Wer könnte einem so unglaublich guten Aufmacher widerstehen, der auch auf der Rückseite einer Zigarettenschachtel hätte stehen können? Jedenfalls weder Cannes, wo DER RAUSCH in die offizielle Auswahl aufgenommen wurde, noch die European Film Academy, das Toronto International Film Festival, wo er ebenfalls zur offiziellen Auswahl gehörte, oder das Internationale Filmfestival von San Sebastián, wo der Film jetzt im Wettbewerb in physischer Form uraufgeführt wurde, und auch nicht das dänische Auswahlkomitee für die Oscars, das den Film als dänischen Vertreter in der Kategorie „Bester internationaler Film“ vorgeschlagen hat.

Und bei einem solchen Konzept hat man natürlich auch keine andere Wahl, als die alte Crew zusammenzutrommeln. Was für ein Fest, Vinterbergs ehemalige Schüler Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang und Lars Ranthe zusammen auf der Leinwand zu sehen! Sie spielen Sekundarschullehrer, die allesamt in der Midlife-Crisis stecken und versuchen, privat und im Job wieder Oberwasser zu gewinnen. Was eignete sich dafür besser als Alkohol? Dieser Gedanke ist so subversiv, dass es einem beinahe das Herz bricht, zu sehen, dass der Alkohol auch im Kino nicht dauerhaft gegen die Leiden des Lebens hilft. Am Ende kommt doch noch der Kater – genau so, wie man vermuten würde. Anfangs entsteht der Eindruck, Vinterberg priese Alkohol als Allheilmittel – in einer Art und Weise, die die im schwarzen Humor versierten Komiker Whitnail & I in Ekstase versetzen würde. Einem aufgeregten Schulkind wird gar geraten, sich einen Drink zu genehmigen, um seine Prüfungsangst zu überwinden, und das mit großem Erfolg. Der Geschichtslehrer Martin, gespielt von Mads Mikkelsen, erklärt seinen Schülern, dass Alkohol das sei, was große Männer der Weltgeschichte miteinander verbinde. Seine neuen Methoden lassen seine Schüler zu ihm aufblicken, als wäre er der Lehrer John Keating, den Robin Williams in Der Club der toten Dichter spielte. Doch dann kommt das große Erwachen – mit Kopfschmerzen.

Vinterberg ist als Regisseur jedoch zu schlau, als dass er irgendeinen seiner Filme nur auf einem einzigen, trunkenen Konzept beruhen ließe. Listig, wie er ist, benutzt er das Trinken nämlich als Köder, bevor er preisgibt, dass das vordergründige Bild einen tieferen Sinn hat: dass es zuweilen an unserer mangelnden Ehrlichkeit mit uns selbst liegt, wenn das Leben sinnlos und dröge erscheint. Und genau dieser Kern der Geschichte ist es, der den Film DER RAUSCH zu einer Erzählung macht, in der die Höhen und Tiefen des Lebens zelebriert werden.

Nicht zuletzt ist dies Mads Mikkelsen zu verdanken, der in seiner Rolle als Cheftrinker Martin eine Glanzleistung abliefert. Der Schauspieler, der in diesem Film seit geraumer Zeit wieder einmal Gelegenheit hatte, in seiner Muttersprache zu arbeiten, übertrifft sich selbst als ein im Alltagstrott Gefangener, der das Unterrichten satthat und dessen Ehe vor sich hin kriselt. Das Trinken hilft, bis es dann doch nicht mehr funktioniert, aber zumindest beginnt er zu verstehen, dass sich etwas ändern muss. Und es ändert sich etwas – auf ziemlich eindrucksvolle Weise. Macht das sein Leben glücklicher? Wer weiß ... aber zumindest tanzt er, innerlich und äußerlich.

DER RAUSCH ist eine dänisch-schwedisch-niederländische Koproduktion von Zentropa Entertainments, Film i Väst, Zentropa International Sweden, Topkapi Films und Zentropa International Netherlands. International vertrieben wird der Film von TrustNordisk.

Kaleem Aftab