CORPUS CHRISTI

CORPUS CHRISTI
Handlung:

CORPUS CHRISTI erzählt die Geschichte des 20-jährigen Daniel, der während seines Aufenthalts in einem Jugendgefängnis einen spirituellen Wandel erfährt. Sein Wunsch, Priester zu werden, bleibt ihm wegen seiner Vorstrafen jedoch verwehrt.
Als er in ein Dorf geschickt wird, um im dortigen Sägewerk zu arbeiten, gibt er sich bei seiner Ankunft entsprechend gekleidet als Priester aus und übernimmt durch Zufall die Gemeinde. Für die Gemeindemitglieder ist die Ankunft des jungen, charismatischen Priesters die Chance, eine Tragödie zu verwinden, die sich in dem Dorf ereignet hat.

Film im Fokus:

In CORPUS CHRISTI, der seit seiner Weltpremiere bei den Giornate degli Autori (Filmfestspiele von Venedig) bei zahlreichen Filmfestivals große Erfolge feierte und in der Kategorie „Bester internationaler Film“ sogar für die Oscars nominiert war, beschäftigt sich Jan Komasa mit einem polnischen Dorf und nimmt die Konflikte, die Mentalität und die Empfänglichkeit seiner Bewohner für Beeinflussung durch selbsternannte und tatsächliche Leitfiguren unter die Lupe. Hand in Hand hat der Regisseur bei diesem Film mit dem Hauptdarsteller, Bartosz Bielenia, zusammengearbeitet, der normalerweise im unabhängigen polnischen Theater zuhause ist. Bielenia taucht tief in die Psyche seiner Figur ein und bringt ihren inneren Kampf mit einem Zucken hier und einem stechenden Blick seiner blauen Augen dort mehr als nur überzeugend rüber. Seine schauspielerische Leistung ist atemberaubend. Die perfekt konstruierte Geschichte wirft viele Fragen auf, etwa warum Menschen Gemeinschaften bilden und warum sie nur zu gerne bereit sind, diese Gruppen zu spalten. Gibt es ein Thema, das im heutigen Europa von größerer Bedeutung sein kann?

Der 20-jährige Daniel (gespielt von Bielenia) hat mehr Vergangenheit als Zukunft. Er sitzt in einem Jugendgefängnis ein, wo er ständig unter Druck steht und seine Gedanken unaufhörlich um seine Taten kreisen, die ihn einfach nicht loslassen wollen. Sein einziger echter Freund ist ein leidenschaftlicher und aufgeschlossener Priester (Łukasz Simlat). Wäre Daniel nicht vorbestraft, würde er in seine Fußstapfen treten und Geistlicher werden. Sein Wunsch soll schon bald wahr werden – wenn auch anders als gedacht. Denn es scheint doch irgendeine höhere Macht zu geben, der es nicht an Humor mangelt und die genau weiß, wie Ironie funktioniert. Als Daniel also aus der Haftanstalt entlassen und in ein abgelegenes polnisches Dorf geschickt wird, um dort in einem Sägewerk zu arbeiten, nimmt sein Schicksal eine Wende. In der Dorfkirche lernt er ein etwas unkonventionelles Mädchen (Eliza Rycembel) kennen und gibt sich als Priester aus. Was zunächst als Scherz gedacht ist, wird schnell zur echten Aufgabe: Daniel muss ins Priestergewand schlüpfen und seine erste Predigt halten. Je länger er das Priesteramt bekleidet, desto mehr Dinge offenbaren sich ihm jedoch: Er erfährt von einem tragischen Geheimnis, das die Gemeinde aufzufressen scheint wie ein Krebsgeschwür, stößt auf neue Verbündete und Gegner und steht plötzlich auch vor seinen eigenen Problemen. Als Zuschauer möchte man einerseits für ihn beten und andererseits miterleben, wie er zu Fall gebracht wird.

Die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte, die von Mateusz Pacewicz geschrieben wurde, gleicht in ihrer Struktur einem emotionalen und spirituellen Roadmovie. Daniels Wunsch wird Wirklichkeit, aber er bekommt auch die Folgen zu spüren. Die Bande zu seiner Gemeinde werden immer enger und es steht immer mehr auf dem Spiel, und so verstrickt er sich immer stärker in seine eigenen Lügen. Zu keinem Zeitpunkt wird jedoch klar, ob er wirklich geläutert oder nur ein Schwindler ist, der sich einen Spaß daraus macht, Menschen zu manipulieren. Bielenias Augen lassen beide Möglichkeiten zu.

Jan Komasa, der zuvor mit großem Budget an einem Film über den Warschauer Aufstand (Warschau ’44) gearbeitet hatte, beleuchtet hier seine Lieblingsthemen: die Untersuchung von Sozialstrukturen und Klassenkonflikten, die Suche nach einem weltlichen Äquivalent zur Kirchengemeinde, das Misstrauen gegenüber Obrigkeiten und nicht zuletzt die von einem Hauch Geringschätzung begleitete Empathie, die er für Ausgestoßene hegt. Auch die Stärken des polnischen Regisseurs kommen in dem Film klar zum Vorschein, denn wie üblich kitzelt er aus seinen Darstellern Bestleistungen heraus. Außerdem verleiht er der Geschichte durch die enge Zusammenarbeit mit seinem Kameramann Piotr Sobociński Jr. eine zusätzliche Erzählebene. So werden Standbilder sowie Verschiebungen in der Farbpalette und der Lichtmenge als perfekte Hilfsmittel eingesetzt, um die innere Verfassung der Figuren darzustellen. Auffällig ist, dass CORPUS CHRISTI und andere polnische Filme aus der jüngeren Vergangenheit die Dynamik kleiner Gruppen erforschen, versuchen, Machtstrukturen aufzubrechen oder zu kritisieren, und das „So war es schon immer“ infrage stellen. Offenbar sind es nicht nur geistliche Orden, die ein (Ein-) Geständnis verlangen, bevor die nächste Lebensphase beginnen kann.

CORPUS CHRISTI wurde von der polnischen Aurum Film gemeinsam mit Canal+ Polska, WFS Walter Film Studio und Les Contes Modernes aus Frankreich koproduziert. Den Vertrieb hat New Europe Film Sales übernommen. Auszeichnung mit dem Europa Cinemas Label; Nominierungen für die European Film Awards 2020 in mehreren Kategorien

Ola Salwa